Hohe 5000er, UNESCO-Weltkulturerbe und einsame Skitouren- und Freeridemöglichkeiten: Die georgische Region Swanetien im wilden Kaukasus vereint mit Catskiing und Skitouren zwei Skiwelten. Ein Abenteuer fernab des Mainstreams.
Wer häufig in den Alpen am Freeriden ist, kennt dieses Szenario: Schneefall in der Nacht, extra früh aufgestanden – und nach zwei, drei Tiefschneeabfahrten ist leider alles schon wieder zerfahren. Freeriden kann ganz schön stressig sein. Stress, den eigentlich keiner will. Einer, der ebenso denkt, ist der österreichische Bergführer Sven Pulver (1975). Schon länger hat er sich deshalb auf die Suche nach Alternativen zu den bekannten Freeride-Gebieten wie am Arlberg, Chamonix oder Engelberg gemacht. Das Ziel: Weg von den Massen. Hin zum Abenteuer mit perfektem Terrain und Pulverschnee. Fündig geworden ist er im georgischen Swanetien, mitten im wilden Kaukasus. Und beschränkt sich dabei auf das Wesentliche: «Kein Luxus. Kein Wellness. Nur der Berg und du», schmunzelt Sven. Kein Wunder: Das ist eine Gegend wie aus einer anderen Zeit. Umringt von mächtigen 5000ern liegen kleine Bergdörfer, die im Winter nur sehr mühsam zu erreichen sind. Aber vermutlich gerade deshalb hat die wilde und raue Bergwelt hier seine Ursprünglichkeit bewahrt. Als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Sobald man diese Bergwelt mit eigenen Augen sieht, weiss man, dass sich die Strapazen der Anreise gelohnt haben. Aber der Reihe nach.
Ich bin Svens Ruf gefolgt und sitze in Memmingen im Flieger, Direktflug nach Kutaisi in Georgien – rund vier Stunden Flugzeit. Der Name Kutaisi setzt sich übrigens aus drei Wörtern zusammen: Kva (Stein), Mta (Berg) und Isi (es), was übersetzt so viel heisst wie «die Stadt zwischen einem Stein und einem Berg». Eine erste Überraschung, als ich ankomme: T-Shirt-Wetter. Irgendwie ein komisches Gefühl mit dem ganzen Skigepäck. Wegen der Zeitverschiebung von drei Stunden ist es bereits um 3 Uhr morgens, als ich beim Hotel ankomme. Während der Fahrt rasen immer wieder Polizeiautos mit Blaulicht vorbei. Wo bin ich hier bloss gelandet? Der Fahrer beruhigt mich, das sei ganz normal hier. Die Polizei schalte immer das Blaulicht ein. Am nächsten Morgen geht es weiter nach Mestia. Die 200 Kilometer lange Fahrt dauert je nach Schneeverhältnissen auf einer sehr schmalen Strasse rund sechs Stunden. Schneeräumung? Fehlanzeige! Am Autofenster zieht der Enguri-Staudamm vorbei – mit 271 Meter zählt dieser zu den zehn höchsten Staudämmen der Welt. Eindrücklich. Das Wasserkraftwerk liefert rund 40 Prozent des gesamten Stroms für Georgien. Die Strasse schlängelt sich mit Kurven und Kehren am Fluss Enguri entlang. Vereinzelt stehen ein paar einsame Häuser und ab und zu mal ein kleines Restaurant am Strassenrand. Ansonsten sehe ich nur Wald und steile Berge. Die Strecke ist landschaftlich extrem reizvoll. Mit gutem Grund: Von nahezu Meereshöhe führt sie hinauf in die Berge, bis wir Mestia auf rund 1500 m ü. M. erreichen.
Die Wetterprognosen sind vielversprechend fürs Catskiing am nächsten Tag. Catskiing? Dafür kommen modifizierte Pistenraupen mit einer beheizten Pistenkabine zum Einsatz. Diese bringen Freerider schnell auf den Berg. In Kanada, den USA und Japan ist Catskiing bereits sehr beliebt. Kein Wunder, denn dies ist entspannter als ein Heli-Tag. Die Geräuschkulisse ist wesentlich angenehmer, es ist wetterunabhängig – und was gibt es besseres, als den gerade gefahrenen Run bei der nächsten Auffahrt mit Gleichgesinnten zu besprechen? Seit 2023 hat Sven einen neuen Catskiing-Spot im Angebot. Und zwar beim Mount Tednuldi. Wir starten bei der Talstation des Skigebiets, bevor das Skigebiet um zehn Uhr öffnet. Allerdings ist auch hier die Anfahrt abenteuerlich. Denn bei den letzten paar Kilometern hinauf gibt es keine richtige Strasse. Auch das Kreuzen gestaltet sich schwierig. Zum Glück kommt uns so früh am Morgen noch keiner entgegen. Für die erste Auffahrt nutzen wir die Skipiste, danach verbringen wir den ganzen Tag im unverspurten Gelände zwischen 2260 und 3100 Meter mit verschiedenen Expositionen. Was für ein Auftakt zum Freeriden in Georgien: Kaiserwetter, Pulverschnee und ein toller Ausblick auf die umliegenden Berge – im Hintergrund funkelt in der Sonne der vergletscherte Tetnuldi auf 4858 m ü. M. Ausser uns ist keiner da. Ein ganzer Berg nur für uns. Ein wahrgewordener Freerider-Traum. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. «First Lines» den ganzen Tag. Wir zählen dabei keine Höhenmeter, sondern geniessen einfach den Moment. Freeriden vom Feinsten. Zwölfmal transportiert uns die Pistenraupe wieder hinauf auf den Berg. Jedes Mal, wählen wir einen neuen Hang aus. Pulver gut, alles gut.
Das Beste kommt allerdings erst noch: Eine lange Genussabfahrt als Tagesabschluss bis runter ins Tal zum Dorf Adishi auf 2040 Meter. Der Schnee ist so gut, dass wir alles in einem Zug durchfahren. Eine Abfahrt wie ein Rausch. Im Dorf angekommen, machen wir eine Pause. Frisches Fladenbrot, Käse und georgisches Bier erwarten uns. Natürlich darf auch ein Glas «Chacha» nicht fehlen. Dieser traditionelle kachetische Tresterbranntwein verwöhnt meinen Gaumen mit einem ausgeprägten Weintraubenaroma. Après-Ski auf Georgisch – ganz ohne Halligalli, wie man es sonst aus den Alpen kennt. Noch ein Glas, danach geht’s zurück nach Mestia.
Die Wetterprognosen sehen vielversprechend aus für die nächsten Tage. Somit passt auch der Plan für die abenteuerliche Reise ins abgelegene Bergdorf Ushguli am nächsten Morgen. Aufgrund der exponierten Lage auf über 2200 Meter gibt es dort nur wenig Wald und somit keine Schlechtwetter-Alternativen. Dass sich nur wenige Skitourengeher dorthin verirren, liegt daran, dass der Ort im Winter nur mühsam zu erreichen ist. Die Strasse dorthin ist schmal, kurvenreich und steil.
Ushguli gilt als die höchstgelegene dauerhaft bewohnte Siedlung Europas und ist UNESCO-Weltkulturerbe. Mit seinen über 500 Jahre alten Wehrtürmen und engen Gassen, in denen Kühe, Pferde und Hunde frei herumlaufen, ist es eine sehenswerte Skitourenkulisse. Damit nicht genug: Das Bergdorf liegt am Fusse des Schchara – der höchste Berg Georgiens. Allerdings ist die Reise dorthin und wieder zurück ein grösseres Abenteuer, als ich mir in meinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte. Bam! Der Fahrer unseres Mitsubishi Delica mit Allradantrieb steigt voll in die Eisen. Neben uns der Abgrund. Direkt vor uns ist eine Lawine auf die schmale Bergstrasse gedonnert. Da es hier länger dauert, bis sowas geräumt wird, steigen wir aus und packen unsere Lawinenschaufeln aus. Ein erstes Warm-up sozusagen. Mit viel Schwung schafft es unser Fahrer über die frisch gebaute Rampe aus Schnee und überwindet die Schneemassen. Was für ein Ritt! Unser Fahrer beherrscht sein Auto scheinbar in jeder Situation – ohne Anzeichen von Angstschweiss auf der Stirn. Einsteigen und weiter geht’s. Alltag in Georgien. Kein Wunder: Ushguli ist da, wo die Strasse endet! Die teilweise stark verfallene Siedlung ist im Winter ein einmaliges Erlebnis. Endlose Skitourenmöglichkeiten und ein unglaubliches Panorama. Der Elbrus, der Ushba, der Tetnuldi und natürlich der Schchara sind zum Greifen nah. Traumhafte, praktisch immer unverspurte Hänge auch noch Tage nach den letzten Schneefällen in einer der wildesten und unberührtesten Gegenden Eurasiens.
Wir starten direkt unsere Tour hinauf auf den Gvibari –ein absolutes Muss, wenn man in Swanetien ist. Diese Tour führt anfangs inmitten durch die Wehrtürme und Gemäuer des Dorfes. Danach geht es einen relativ sicheren Bergrücken hinauf zum Gipfelgrat. Dort erwartet uns ein unvergesslicher Ausblick auf den Schchara (5201 m), den höchsten Berg Georgiens. Und als Belohnung für den steilen Aufstieg bekommen wir weite Abfahrtshänge mit viel Platz. Und ganz viel Powder. Auch die zweite Tour am nächsten Tag hinauf auf den Hausberg Lamaria überzeugt. Einsam und abgeschieden. Schöner könnte eine Skitour nicht sein. Ebenso der Abend zurück in unserer einfachen aber sauberen und warmen Unterkunft überzeugt. Zwei einheimische Frauen zaubern uns eine georgische Tafel auf den Tisch mit Badridschani, Schaschlik, Tschachochbili, Chatschapuri und Khinkali. Wir sind nun auch im kulinarischen Himmel Georgiens angekommen. Kurz: Ein wahr gewordenes Wintermärchen, fernab der Massen. Vermutlich so, wie sich Skifahren vor 100 Jahren in den Alpen angefühlt haben muss. Luxus gibt es hier nicht, dafür jede Menge Gastfreundschaft, gutes Essen und ein fantastisches Tourengelände. Georgien, ich komme wieder – versprochen!
© 2026 Franz Thomas Balmer