Wilde Grate, sonnengegerbte Holzhäuser und staubende Abfahrten im Pulverschnee: Das Walserdorf Monstein in den Schweizer Alpen ist Ausgangsbasis für Skitourenklassiker wie das Büelenhorn auf fast 3000 Meter.
Manchmal entstehen die besten Bergabenteuer spontan. Martin, ein ehemaliger Arbeitskollege, der lange in New York gelebt hat, ist zufällig auf Besuch in Davos für eine Skitour. Wie es der Zufall will, ist auch die Natur spontanen Plänen nicht abgeneigt: Neuschnee über Nacht, stabile Schneeschicht und Kaiserwetter. Wir brechen frühmorgens auf. Die schmale Strasse windet durch den Bergwald hinauf ins Walserdorf Monstein. Das Dorfbild könnte auch aus dem Buchklassiker «Heidi» stammen. Es scheint, als ob hier oben die Zeit still stünde. Bis heute ist übrigens unklar, warum vor rund 700 Jahren Walliser Familien ihre Heimat verliessen und über die Alpen wanderten. Was hingegen klar ist: Mit ihren Waldrodungen, der Alpwirtschaft und ihren typischen Streusiedlungen prägten sie das Landschaftsbild – und brachten Tricks der alpinen Baukunst mit. So schützten die auf Stelzen oder Holzbeinen errichteten Holzspeicher, die Vorräte vor Feuchtigkeit und Mäusen. Solche uralte «Spiicher» kann man heute noch hier bestaunen. Der Parkplatz am Ende des Dorfes ist noch leer, als wir die Felle aufziehen und unsere Tourenschuhe in die Bindung klicken. Von hier aus startet der Zustieg aufs Büelenhorn auf 2808 Meter über Meer – rund 1200 Höhenmeter liegen vor uns. Anfangs im Wald entlang bis zur Inneralp. Von da aus weiter zur Mittelalp und über den Mäschenboden. Die letzten Lärchen haben wir nach der 2000-Meter-Grenze hinter uns gelassen. Zeit für einen Schluck Tee.
Die urchigen Alphütten hier sind jetzt im Winter verwaist. Die Schneehauben auf ihren Dächern wirken wie kuschelige Daunendecken. Eine Postenkartenidylle, abseits des gängigen Touristenstroms. Wir lassen den Blick in die Ferne schweifen. Vor uns öffnet sich ein weites Hochtal bis unter den Gipfelhang des Büelenhorns. Weiter!
Nun beginnt der steile Schlussaufstieg durch den Gipfelhang zum Sattel. Von dort aus über den Grat auf den Gipfel. Wir spuren durch den Neuschnee. Das eindrückliche Panorama lässt den steilen Anstieg über den Gipfelhang schnell vergessen. Mit gutem Grund: Wir freuen uns schon auf die bevorstehende Abfahrt. Ein frisch eingeschneiter und steiler Nordhang. Damit nicht genug: Wir sind heute Morgen die einzigen auf dem Gipfel. Auch hier werden wir für unsere Spontanität belohnt. Dies ist nicht immer so. Denn das Büelenhorn ist ein beliebter Skitourenklassiker. Aber man darf ja auch mal Glück haben. Egal, in welche Richtung wir blicken, Gipfel. Die Albula Alpen in ihrer ganzen Schönheit. Gipfelglück wie aus dem Bilderbuch. Der ganze Berg für uns alleine. Majestätisch!
Zeit für die Belohnung: Felle runter und los! Der Schnee stiebt und staubt. Schöner kann ein Genusshang nicht sein. Glitzernde Kristalle wirbeln durch die Luft. Diamantenjagd sozusagen. Die Abfahrtsroute führt entlang des Aufstiegs bis zur Inneralp. Wir rauschen in einem Zuge durch. Der Powder fühlt sich an wie Surfen. Fast schon schwerelos. Weiter unten wird der Schnee schwerer und führt uns wieder durch den Wald zurück, bis wir wieder beim Parkplatz sind. Ab zum kulinarischen Teil, denn Monstein punktet mit einer ganz genüsslichen Art von Après-Ski.
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Wir setzen uns auf eine Sonnenterrasse – direkt gegenüber der Brauerei. Bei ihrem Betriebsstart 2001 galt sie als höchstgelegene Brauerei der Schweiz auf 1620 Meter über dem Meeresspiegel. Dieser Superlativ wackelt im Zeitalter der zahlreichen Mikro-Brauerein zwar, das Bier ist aber nach wie vor himmlisch. Getreu dem Slogan «The last beer stop before heaven». Die Brauerei steht in Monstein buchstäblich im Zentrum, und sie ist das Reich von Sebastian «Basti» Degen. Der gebürtige Franke hat das Handwerk des Braumeisters von der Pike auf gelernt. Alle seine Biere braut er nach dem bayerischen Reinheitsgebot. Als Rohstoffe kommen so nur vier infrage: Malz, Wasser, Hopfen und Hefe. Diese Zutaten in ein erstklassiges Bier zu verwandeln – das ist die hohe Braukunst des Monsteiner Bieres. Ich entscheide mich für ein frisch gezapftes «Huusbier hell». Ein krönender Abschluss einer grandiosen Skitour, die bei der Brauerei anfängt – und dort wieder endet. Viva!
© 2026 Franz Thomas Balmer